„Machen wir eigentlich genug?“ Diese Frage kennen wahrscheinlich viele Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten. Den Lernfortschritt im Homeschooling einzuschätzen, ist nämlich gar nicht immer so einfach. Vielleicht war die Woche chaotischer als geplant, im Mathebuch sind weniger Seiten geschafft als gedacht oder andere Homeschooling-Familien scheinen viel mehr zu machen.
Schnell entsteht das Gefühl: Wir müssten mehr lernen, mehr strukturieren, mehr Aufgaben erledigen. Doch „mehr“ ist nicht unbedingt der richtige Massstab. Entscheidend ist vielmehr, ob Entwicklung stattfindet und ob wir sie erkennen können.
Warum sich Homeschooling manchmal nach „zu wenig“ anfühlt
In der Schule ist Lernen gut sichtbar: Stundenplan, Lektionen, Arbeitsblätter, Prüfungen und Noten geben einen klaren Rahmen vor. Im Homeschooling sind die Grenzen weniger eindeutig.
Ein Kind liest freiwillig ein Buch über das Weltall, rechnet beim Backen Mengen um, beschäftigt sich nach einem Museumsbesuch tagelang mit einem Thema oder plant und baut ein eigenes Projekt. Dabei wird gelesen, gerechnet, recherchiert, ausprobiert, hinterfragt und erklärt.
Genau deshalb kann leicht der Eindruck entstehen, zu wenig gemacht zu haben. Nicht weil zu wenig gelernt wurde, sondern weil ein Teil des Lernens gar nicht als solcher wahrgenommen wird.
Nicht die Lernzeit zählt, sondern die Entwicklung
Die Anzahl Schulstunden oder erledigten Buchseiten sagt nur begrenzt etwas darüber aus, wie viel ein Kind tatsächlich gelernt hat. Ein Kind kann lange an einer Aufgabe sitzen und wenig verstehen oder sich während eines kurzen Experiments intensiv mit einem Zusammenhang auseinandersetzen und diesen nachhaltig begreifen.
Hilfreicher ist deshalb die Frage: Was kann oder versteht mein Kind heute, was es vor einigen Wochen oder Monaten noch nicht konnte?
Vielleicht liest es sicherer, erklärt mathematische Zusammenhänge besser, arbeitet selbstständiger oder stellt differenziertere Fragen. Vielleicht hat es durch ein eigenes Projekt gelernt zu recherchieren, zu planen, Lösungen zu entwickeln und mit Rückschlägen umzugehen. Das sind wertvolle Fähigkeiten, die weit über einzelne Schulfächer hinausreichen und Kinder dabei unterstützen, zunehmend selbstständig zu lernen, Probleme zu lösen und Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen.
Damit verändert sich die Perspektive von „Wie viel haben wir gemacht?“ zu „Was hat sich entwickelt?“
Der Lehrplan 21 als Orientierung
Im Homeschooling ist es nicht so, dass Lernziele oder der Lehrplan 21 keine Rolle spielen, nur weil Lernen auch ausserhalb von Schulbüchern und klassischen Unterrichtssituationen stattfindet. Der Lehrplan kann eine hilfreiche Orientierung bieten, ohne dabei zu einer täglichen Checkliste zu werden, die möglichst schnell abgearbeitet werden muss.
Stattdessen lohnt es sich, in gewissen Abständen einen Blick zurückzuwerfen: Welche Themen und Kompetenzbereiche haben wir bereits bearbeitet? Wo sehen wir Fortschritte? Welche Bereiche kamen bisher kaum vor? Und wo möchten wir in den nächsten Monaten bewusst einen Schwerpunkt setzen?
So zeigt der Lehrplan nicht nur, was noch fehlt, sondern hilft auch sichtbar zu machen, was bereits da ist.
Eine einfache Standortbestimmung
Dafür braucht es keine aufwendige Auswertung. Alle zwei bis drei Monate reichen drei Fragen:
- Was hat mein Kind in letzter Zeit neu gelernt?
Denke dabei auch an Projekte, Ausflüge, Experimente, Bücher und Alltagssituationen. - Wo erkenne ich Entwicklung?
Was geht heute leichter? Was versteht dein Kind besser? Wo ist es selbstständiger geworden? - Wo möchten wir als Nächstes genauer hinschauen?
Welche Themen oder Kompetenzbereiche kamen bisher wenig vor und könnten in den nächsten Wochen mehr Raum bekommen?
Wenn dabei Lücken sichtbar werden, ist das eine hilfreiche Erkenntnis. Denn so könnt ihr bewusst entscheiden, ob ein Thema beispielsweise mit einem Projekt, einem passenden Buch, einem Experiment, einem Ausflug oder einer gezielten Lerneinheit aufgegriffen werden soll.
Lernfortschritt im Homeschooling sichtbar machen
Nach einigen Monaten Homeschooling geraten viele kleine Lernmomente schnell in Vergessenheit. Der Museumsbesuch vom September, das grosse Projekt im Oktober, gelesene Bücher oder Fähigkeiten, die inzwischen selbstverständlich geworden sind, sind später kaum noch präsent.
Eine einfache laufende Dokumentation hilft deshalb nicht nur beim Jahresbericht. Sie macht sichtbar, was tatsächlich gelernt und entwickelt wurde.
Passend dazu:
→ Homeschooling dokumentieren: So behältst du beim Lehrplan 21 den Überblick
Mehr Überblick statt einfach mehr machen
Wenn die Frage „Machen wir genug?“ auftaucht, muss die Antwort also nicht automatisch lauten: „Dann müssen wir mehr machen.“
Oft lohnt es sich zuerst zu prüfen, was bereits gelernt wurde, welche Entwicklung stattgefunden hat und welche Bereiche in nächster Zeit mehr Aufmerksamkeit brauchen. Aus einem diffusen Gefühl von „Es ist bestimmt zu wenig“ entsteht so etwas wesentlich Hilfreicheres: Orientierung.
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